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Trotz steigender Budgets sind Europas Armeen für die aktuelle Sicherheitslage noch nicht optimal gerüstet. McKinsey analysiert, wo ein modularer Verteidigungs-Baukasten mit Beteiligung von Start-ups helfen könnte.
Unbemannte Systeme verändern die Logik moderner Kriegsführung – von der Beschaffung bis zum Einsatz.
Fotos: Getty Images, McKinsey & Company
Ein Kampfjet-Programm läuft über Jahrzehnte, eine Drohne ist nach Monaten veraltet. Dennoch beschaffen europäische Streitkräfte beides nach demselben Verfahren. Eine Analyse des Beratungsunternehmens McKinsey zeigt: Vielfach fehlt die Fähigkeit, günstige Systeme schnell und in großer Stückzahl zu beschaffen.
Ein verwandtes Problem: Wo neue Systeme entstehen, bleiben Innovationen oft an einzelne Plattformen gebunden. McKinsey empfiehlt deshalb einen modularen Verteidigungs-Baukasten, in dem sich Hard- und Software unabhängig voneinander weiterentwickeln lassen, etwa um Schutz- und Aufklärungsfunktionen kontinuierlich an neue Bedrohungslagen anzupassen.
Der Baukasten gliedert sich in vier Dimensionen:
Im 20. Jahrhundert lag der Wert eines Waffensystems primär in der Hardware selbst. Im Baukasten-Modell wird die physische Plattform zur austauschbaren Basiskomponente. Neben aufwendig gefertigten Einzelstücken braucht es modulare, in großer Zahl herstellbare Systeme, die auch hohe Verluste verkraften, ohne dass das Gesamtnetzwerk zusammenbricht.
Diese Ebene liefert die Rechenleistung direkt am Einsatzort – Grafikprozessoren, Energieversorgung und Kühlung, um von künstlicher Intelligenz (KI) gestützte Anwendungen unmittelbar auf der Plattform laufen zu lassen. Eine McKinsey-Studie sieht hier aktuell die größte Entwicklungschance des gesamten Ökosystems, da viele alte Systeme Nachrüstbedarf haben.
Die vernachlässigte Mitte der Verteidigungsinvestitionen: Sie soll dafür sorgen, dass unterschiedliche Hardware-Plattformen miteinander kompatibel sind und Daten austauschen können, sodass eine Anwendung auf beliebigen Systemen laufen kann. Fehlt sie, erfordert jede neue Fähigkeit eine aufwendige Einzelintegration.
An der Spitze des Baukastens steht die Einsatzsoftware, etwa Schwarmsteuerung, dynamische Zielerfassung oder KI-gestützte Assistenzsysteme. Hier konzentriert sich aktuell das Investoreninteresse.
Die Investitionslogik der vergangenen Jahrzehnte beschreibt Jakob Stöber, Experte für die Verteidigungsindustrie und Partner bei McKinsey, als „Hantel-Strategie“: Kapital floss überwiegend in die oberste und unterste Ebene des Baukastens. Auf beiden Ebenen spielen europäische Start-ups eine entscheidende Rolle. So haben sich Drohnenhersteller wie Stark, Quantum Systems, ARX Robotics oder Helsing auf der Plattform-Ebene als gefragte Zulieferer etabliert. Alle vier sind mit KI-gestützter Software zur Missions- und Schwarmsteuerung zunehmend auch auf der Anwendungsebene aktiv.
Genau in der Mitte des Baukastens klafft dagegen eine kritische Lücke: Weder in Interoperabilität noch in Rechenkapazität wurde in den vergangenen Jahrzehnten ausreichend investiert. Ein Defizit, das im Ernstfall den Informationsfluss behindert und letztlich das Leben von Einsatzkräften gefährdet.
Es fehle vielfach an gemeinsamen Standards und Betriebssystemen, damit unterschiedliche militärische Systeme verschiedener europäischer Staaten überhaupt miteinander kommunizieren und ein gemeinsames Lagebild erstellen können, erklärt Stöber. „Dafür braucht es strategische Abstimmung und substanzielle Investitionen. Beides hat es seit Ende des Kalten Krieges nicht in ausreichendem Maß gegeben."
Neue technologische Architekturen wie die sogenannte Combat Cloud sollen die Lücke schließen: ein vernetztes, KI-gestütztes Gefechts- und Führungsnetz, das Kampfflugzeuge, Drohnen, Satelliten, Sensoren und Waffen verbindet. Etablierte Hersteller wie Airbus und Thales treiben die Entwicklung voran, aber auch Deep-Tech-Unternehmen sind zunehmend in diesem Bereich aktiv. Prominent sind hier insbesondere amerikanische Firmen wie Anduril, europäische Anbieter bringen zunehmend eigene Technologie ein.
Ähnlich kritisch sieht die Lage bei der Rechenkapazität aus. Auch sie gehört laut den McKinsey-Experten um Stöber zur vernachlässigten Mitte des Baukastens. Die Leistung vorhandener Computer reicht vielfach nicht aus, um moderne Algorithmen auszuführen. Der Nachrüstbedarf bei Schiffen, Flugzeugen und Infanterieeinheiten ist hoch: McKinsey beziffert die Kosten für die US-Armee auf 160 bis 230 Milliarden Dollar. Europa steht vor einem noch größeren Modernisierungsproblem, denn hier verfügen die Streitkräfte bei ähnlicher Gesamtgröße über eine stärker fragmentierte, im Schnitt ältere Materialbasis.
„Viele militärische Plattformen, die heute noch im Einsatz sind, wurden in einer Zeit konzipiert, in der es noch keine Smartphones gab“, erklärt Stöber. Neben der Beschaffung neuer modularer Systeme liegt die Lösung daher im sogenannten Retrofitting: standardisierten Nachrüstpaketen, die ältere Plattformen mit moderner Elektronik, Sensorik und Rechenleistung ausstatten.
Die Nutzung kommerziell verfügbarer, ursprünglich für den zivilen Einsatz entwickelter Komponenten senkt dabei die Kosten und erhöht die Verfügbarkeit. „Was speziell für militärische Anwendungen entwickelt wird, hat wegen des geringeren Bedarfs oft eine schlechtere Verfügbarkeit“, sagt Stöber. Zudem lassen sich Entwicklungsaufwände für moderne IT-Architekturen oder KI leichter tragen, wenn sie auf mehrere Anwendungsfelder verteilt werden.
Solche Commercial-off-the-Shelf- und Dual-Use-Konzepte eröffnen angesichts des hohen Bedarfs Marktchancen – nicht nur für etablierte Rüstungskonzerne, sondern auch für branchenfremde Technologieunternehmen und Start-ups. Ein Beispiel aus der Compute-Ebene ist das britische Unternehmen Vizgard: Mit VizEdge hat es eine tragbare Recheneinheit für KI-Anwendungen auf dem Schlachtfeld entwickelt, die ohne Internet- und Cloudanbindung auskommt.
Doch wer eine funktionierende Technologie hat, ist damit noch nicht am Ziel. Stöber sieht eine generelle Herausforderung im Verteidigungssektor: Streitkräfte kaufen in der Regel keine einzelnen Technologien, sondern integrierte Systeme mit konkreten Fähigkeiten für das Schlachtfeld. Keine Radarsoftware also, sondern ein Radarsystem oder gleich eine einsatzbereite Drohne mit überlegener Geländeübersicht. Ein solches Komplettsystem anzubieten und seine Produktion zu skalieren, fällt jungen Unternehmen oft schwer.
Eine mögliche Lösung: Zusammenarbeit. „Wir sehen aktuell eine Dynamik neuer Kooperationsmodelle sowohl zwischen Start-ups als auch zwischen jungen Unternehmen und etablierten Konzernen“, sagt Stöber. Nicht alle Partner kommen dabei aus der Rüstungsbranche. Ein prominentes Beispiel ist die Partnerschaft von ARX Robotics mit dem Motorenhersteller DEUTZ, der künftig Antriebe sowie mobile Energieinfrastruktur für unbemannte Landfahrzeuge liefern und so bei der Skalierung helfen soll.
Doch der Erfolg junger Unternehmen im Verteidigungssektor hängt nicht nur von Eigeninitiative ab, sondern auch von politischen Weichenstellungen. „Innereuropäische Unterschiede beim Exportkontrollrecht und anderen Regulierungen erschweren den Marktzugang für Unternehmen, die keine jahrzehntelange Erfahrung damit haben“, sagt Stöber. Eine Vereinheitlichung würde die Hürden für viele Unternehmen senken. Ebenso wichtig: politische Verlässlichkeit. Das Militär mag formell Kunde sein, doch die Politik entscheidet über Budgets und Beschaffung.
Start-ups können helfen, Europas Sicherheitsarchitektur zu erneuern. Ob das gelingt, entscheidet sich aber nicht nur in Laboren und Fabrikhallen, sondern auch in Ministerien und Beschaffungsämtern.