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Humanoide Roboter tanzen auf Bühnen, doch für Fabriken und Lagerhallen reicht das noch nicht. McKinsey-Experte Christian Jansen erklärt, welche Hürden zu überwinden sind und warum Europas Zulieferer profitieren könnten.
Blick in die Zukunft: Anstelle von Menschen könnten Roboter viele Aufgaben in Unternehmen übernehmen.
Fotos: NEURA Robotics, McKinsey & Company
Es waren Bilder, die um die Welt gingen: Beim diesjährigen chinesischen Neujahrsfest führten Dutzende humanoide Roboter synchronisierte Choreografien auf, sprangen in Formation und vollführten Kung-Fu-Bewegungen. Viele Beobachter werteten dies als Hinweis darauf, dass intelligente Maschinen inzwischen alles können, wozu Menschen in der Lage sind – und bald menschliche Arbeitskräfte ersetzen werden.
Christian Jansen, Partner bei McKinsey & Company und Experte für Robotik, ordnet das sachlicher ein. „Was Millionen Menschen dort gesehen haben, war beeindruckende Mechatronik, keine Autonomie", sagt Jansen. „Die Roboter spulten programmierte Sequenzen ab."
Das bedeutet nicht, dass von künstlicher Intelligenz (KI) gesteuerte und flexibel einsetzbare humanoide Roboter nicht existieren. Im Gegenteil: Ihre Entwicklung hat in den letzten zwölf Monaten deutlich Tempo aufgenommen. Ein wesentlicher Durchbruch kommt durch eine neue KI-Modellklasse: Vision-Language-Action-Modelle, die Bilder, Sprache und Bewegungssteuerung zugleich verarbeiten und direkt in Steuersignale übersetzen. Solche generalisierbaren Steuerungsmodelle sollen den Maschinen erlauben, selbstständig in unbekannten Umgebungen mit unbekannten Objekten zu agieren.
Angesichts des drohenden Fachkräftemangels steht für Jansen fest, dass autonome Roboter in absehbarer Zeit in Unternehmen zum Einsatz kommen werden. Erste Einsatzfelder werden Lagerlogistik, Materialtransport in Fabriken oder die Inspektion von Maschinen sein – ein Muster, das aktuelle Pilotprojekte bestätigen: Amazon testet Digit von Agility Robotics in der Sortierlogistik, Mercedes-Benz arbeitet mit dem Roboter Apollo von Apptronik in der Intralogistik, BMW erprobt ein Modell von Hexagon Robotics in der Fertigung.
Mit einem breiten Einsatz in verschiedenen Industrien rechnet der Experte allerdings erst Mitte der 2030er-Jahre, denn zuvor gilt es noch, einige Hürden zu überwinden. McKinsey hat in einer im Oktober 2025 veröffentlichten Analyse vier zentrale Felder definiert, die darüber entscheiden, ob die Roboter den Sprung aus Simulation oder Pilotprojekt in den Unternehmensalltag schaffen: Laufzeit, Feinmotorik, Kosten und Sicherheit. Ein halbes Jahr später zieht Jansen eine differenzierte Bilanz.
Die Laufzeit ist inzwischen kein kritischer Engpass mehr. „Fast alle Entwickler setzen mittlerweile auf Wechselakkusysteme, mit denen Roboter problemlos eine Achtstundenschicht überstehen“, sagt Jansen. Das Laufzeitproblem dürfte damit kurzfristig an Bedeutung verlieren. Auch bei der Feinmotorik sieht er deutliche Fortschritte, wenn auch ihr Ausmaß mitunter schwer zu erfassen ist: „Was einem Menschen leichtfällt, kann für einen Roboter hochgradig anspruchsvoll sein, etwa das Greifen einer mit unbekannten Objekten gefüllten Tüte.“
Bei den Kosten gilt: Laut McKinsey-Berechnungen müssen sie von rund 150.000 auf 20.000 bis 50.000 Dollar sinken, damit Humanoide im großen Stil zum Einsatz kommen. „Aktuatoren machen 40 bis 60 Prozent der Stückkosten aus. Wer die Roboterkosten halbieren will, muss dort ansetzen", sagt Jansen. „Ein Robotergelenk, das heute aus hundert Einzelteilen montiert wird, muss zum versiegelten Serienmodul werden. Das ist genau das, was Automobilzulieferer seit Jahrzehnten beherrschen."
McKinsey empfiehlt Herstellern außerdem, ihre Systeme auf tatsächliche Anforderungen der ersten Einsatzwellen zuzuschneiden, also auf repetitive Aufgaben in strukturierten Umgebungen. Ein gezielt vereinfachtes System, beispielsweise eine rollenbasierte Plattform mit humanoidem Torso und zwei Armen, lässt sich deutlich günstiger realisieren.
Die größten Herausforderungen sieht Jansen bei der Sicherheit. Humanoide können bislang noch nicht einschätzen, was ein Mensch in ihrer Nähe als Nächstes tun wird. Deshalb agieren die bisherigen Systeme nur in abgesperrten Zonen. Für die Arbeit Seite an Seite mit Menschen braucht es laut einer McKinsey-Analyse das Zusammenspiel mehrerer Schutzmechanismen, um Verletzungsrisiken auszuschließen: Sensoren, die Berührung und Nähe erfassen, Antriebe mit automatischer Kraftbegrenzung und Systeme, die einen Sturz abfangen, bevor er zur Gefahr wird.
Aus regulatorischer Perspektive fehlt zudem ein verbindlicher Sicherheitsstandard: Eine einschlägige ISO-Norm für humanoide Roboter existiert bislang nur als Entwurf. „Wenn Europa die Chance durch humanoide Robotik nutzen will, brauchen wir schnell einen klaren regulatorischen Rahmen", sagt Jansen. „Zwischen einer fertigen ISO-Norm und einer praktisch anwendbaren Vorgabe vergehen sonst regelmäßig Jahre – das können wir uns dieses Mal nicht leisten."
Wie schnell solche Hürden überwunden werden, hängt maßgeblich von einem Faktor ab: der Skalierung der Lieferkette. Ein Querschnittsthema von enormer Relevanz, wie Jansen feststellt: „Für eine Sicherheitszertifizierung beispielsweise braucht es standardisierte Komponenten, für längere Laufzeiten zuverlässige Serienteile – und für Kosteneffekte höhere Stückzahlen.“
Für den Hochlauf der humanoiden Robotik ist der Übergang zur Massenfertigung von Komponenten also essenziell. Es geht etwa um Planetenrollengewindetriebe, die Drehbewegungen eines Motors in vor- oder rückwärts gerichtete Linearbewegungen umwandeln und so die Kraftübertragung menschlicher Muskeln nachahmen. Ein anderes Beispiel sind harmonische Getriebe, die Robotergelenken durch einen elastisch verformbaren Stahlring zugleich Kompaktheit und Präzision verleihen.
Solche Spezialteile werden heute nur in wenigen tausend Einheiten pro Jahr produziert. Doch bei einem industriellen Durchbruch humanoider Roboter wären Millionenstückzahlen erforderlich. „Dafür ist kein Zulieferer aufgestellt", sagt Jansen.
Weltweit wurden 2025 nach Schätzungen von McKinsey rund 15.000 humanoide Roboter ausgeliefert; für 2026 liegen die erwarteten Stückzahlen alleine in China bereits jenseits der 50.000 Einheiten. Bis 2040 geht McKinsey davon aus, dass der Markt für humanoide Roboter auf über 360 Milliarden Euro anwachsen wird.
Der öffentliche Diskurs fokussiert sich oft auf USA und China, doch auch in Europa wächst eine eigenständige Herstellerszene.
USA
Tesla (Optimus), Figure AI (Figure 03), Apptronik (Apollo), Agility Robotics (Digit), 1X (NEO), Boston Dynamics (Atlas) – getrieben durch Venture Capital und vertikale Integration.
China
Unitree (G1), Agibot (A2), UBTECH (Walker S2) – über 35 neue Modelle allein im Jahr 2024, staatlich koordiniert und mit wachsendem Tempo.
Europa
Neura Robotics (4NE-1), Agile Robots (Agile ONE), Hexagon Robotics (AEON), Oversonic Robotics (RoBee), PAL Robotics (TALOS), Humanoid AI (HMND 01).
Eine enorme Herausforderung, in der zugleich Chancen liegen, insbesondere für den Standort Deutschland. So steigen Automobilzulieferer wie Schaeffler oder Bosch bereits in die Produktion von Robotik-Komponenten ein. Für Jansen ist das naheliegend: Die Unternehmen suchen ohnehin neue Märkte, verfügen zugleich über die nötige Mechatronik-Kompetenz und industrielle Präzision und könnten helfen, Skalierungsprobleme in der Lieferkette zu entschärfen.
Auch hier ist Zeit der kritische Faktor, sagt der Experte. Denn in anderen Ländern investiert der Staat längst massiv: So hat China einen staatlich koordinierten Technologiefonds in Höhe von 138 Milliarden Dollar aufgelegt, der unter anderem Robotik-Zulieferer fördert. In der Folge findet beispielsweise rund 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung von Permanentmagneten – ein Kernmaterial für die Motoren humanoider Roboter – dort statt.
Für Jansen spricht vieles dafür, auch in Deutschland rasch Kompetenzen entlang der Wertschöpfungskette für Humanoide aufzubauen. „Die deutschen Automobilzulieferer haben genau die Kompetenz, die jetzt knapp wird: Mechatronik in industrieller Präzision und Stückzahl", sagt Jansen. „Wer heute die zentralen Komponenten mitentwickelt, sitzt bei der späteren Serienfertigung in der ersten Reihe. Und zwar in einem Markt, der wächst, statt zu schrumpfen."
Der Experte zieht eine Analogie zur Autoindustrie: „Deutschland baut nicht die günstigsten Autos, aber Teile von Bosch, Schaeffler und ZF stecken in fast jedem Auto der Welt.“ Bei humanoider Robotik könnten Europas Zulieferer eine ähnliche Rolle einnehmen, margenstark und global relevant. Am Ende entscheidet also die Lieferkette – nicht nur über den Erfolg der Humanoiden, sondern auch über Europas Anteil daran.